Montag, 10. September 2007

Trilogie „Heimat“, Teil 3: Heimatlosigkeit Jesu – Unsere Heimat im Himmel

Die nie erlischende Sehnsucht und die ständige Suche nach dem Ort, an dem Milch und Honig fließen, seine immer wieder kehrende Gefährdung und der ständige Verlust des Paradieses: eine „Never-ending-story“? Gibt es Heimat überhaupt? Ist der Ort überhaupt zu finden? Und wenn ja wie ist er zu bewahren? Oder greifen wir völlig zu kurz, wenn wir Heimat suchen?
In Jesus Christus, den wir als Gottes Sohn bekennen, bekommen wir entscheidende Wegweisung für unsere Suche. In ihm wird Gott ganz Mensch wie wir, kommt ganz ins Hier und Jetzt. Und doch hat ER keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann (Mt 8,19f). ER ist, nach eigenen Worten, nicht gekommen, um die Weisungen und Verheißungen der Vergangenheit aufzuheben, sondern um zu erfüllen (Mt 5,17). Die Vergangenheit ist nicht ausgeklammert. Nur wer sie einbezieht, wird Jesus und seine Botschaft begreifen.
Die Botschaft ist der Anbruch des Gottesreiches, das große Heimholen der Schöpfung, das Gott schenkt und bewerkstelligt und das nicht im Irdischen zu fassen ist (vgl. z.B. Hebr 11,12-16). Und es steht in Vollendung noch aus, ist auf Zukunft hin ausgerichtet.
Heimat, so behauptete ich anfangs, ist ein Roter Faden der hl. Schrift. Die Fragen des Woher des Menschen, seines Daseins im Hier und Jetzt und sein Wohin sind im letzten Heimatfragen. Heimat im biblischen Sinn ist da, wo die Antworten auf alle drei Fragen ein und denselben Ort umschreiben: Eine Antwort auf alle drei Fragen zugleich: Des Woher, des Hier und Jetzt und des Wohin. Das alles zusammen erst ist der Ort, wo der Mensch sich selbst findet und seinem Schöpfer am nächsten ist. Solange er sein Augenmerk nur auf ein Teil dieser Richtungen beschränkt, also eingeschränkt sucht, bleibt er Nomade: Er sucht dann entweder die verlorene Vergangenheit und wird depressiv; oder kämpft sich zu Tode in den Unsicherheiten des Hier und Jetzt und wird aggressiv oder rennt einem Traumgespinst hinterher, das er nie erreichen wird und resigniert.
Und Heimat im biblischen Sinn hat Ort und Zeit und Beziehung und geht im letzten doch nicht darin auf, übersteigt sie. Die Antwort auf die Frage nach Heimat beantwortet dem Menschen die Frage, woher er kommt, wer er jetzt ist und was sein Ziel ist. Heimat als Beziehung über Raum und Zeit hinweg. Diese Antwort bekommt er nach der Bibel nicht ohne Gott. ER selbst ist die Antwort.
Ein schwieriges Paradox: Was dem Menschen in seiner Geschichte immer wieder zum Verhängnis geworden ist, nämlich dass er sich selbst als Geschöpf übersteigen kann auf Gott hin, braucht er zugleich notwendigerweise, um seine wirkliche Heimat zu finden. Anstatt sich von IHM abzugrenzen oder IHM gleichen zu wollen, sollte er sich an IHN binden und sich in SEINE Hände fallen lassen.

Trilogie „Heimat“, Teil 2: Babylonisches Exil und die Sehnsucht nach Zuhause

Das Volk gelangt nach großen Mühen und schweren Prüfungen mit der Hilfe und durch die Führung Gottes in das „Gelobte Land“ und nimmt es in Besitz. Gott selbst gibt ihm dort Hilfen an die Hand, um die neugewonnene Freiheit nicht wieder zu verspielen. 10 Gebote regeln das Miteinander, schützen Persönlichkeitsrechte und den Erhalt der Gemeinschaft. Und sie ermahnen den Menschen, Gott Gott sein zu lassen und sich immer wieder zu erinnern, wie Gott ihnen dieses neue Leben ermöglicht hat (vgl. Ex 20,1-17).
Wird der Mensch aus Schaden und der Erfahrung der Rettung klug? Macht man den gleichen Fehler wirklich zweimal oder gar noch öfter? Man macht! Der Mensch schafft das. Und nicht nur zweimal oder dreimal, unendliche Mal. Ist das Urproblem des Menschen und seines ungelösten Heimatproblems, dass er seiner selbst sich nicht sicher ist?
Die Katastrophe des totalen Heimatverlustes trifft das Volk erneut im sog. "Babylonischen Exil" 586 vor Christus in traumatisierenden Ausmaßen. Der Tempel, die zu Stein gewordene Identität des Volkes, die die Gegenwart Gottes selbst darstellt - zerstört, Stadtmauern geschliffen, Häuser geplündert, Menschen in die Fremde verschleppt und getötet (vgl. z.B. 2 Chr 36,11-21). Der Name Babylon wird nach Ägypten zum neuen Synonym für Schutzlosigkeit, Unsicherheit, Sklaverei und Gottesferne. Psalmen besingen zutiefst anrührend die Not und die Scham des Volkes, rufen in der Not der Dunkelheit nach Rettung und Wegweisung. Propheten treten auf, die dem Volk die Augen öffnen sollen für die Ursache dieser Katastrophe. Und dafür, dass nicht nur der Mensch den gleichen Fehler immer wieder macht, sondern zugleich Gott SEINEN Willen nach Rückkehr des Menschen in das Land, in dem Milch und Honig fließen, nicht aufgibt und neue Pläne der Rückkehr schmiedet (vgl. z.B. Tob 14,5). Glück im Umglück: Die Hartnäckigkeit des Menschen trifft auf die unbeugsame Treue Gottes.

Trilogie „Heimat“, Teil 1: Vertreibung aus dem Paradies – Heimkehr ins Gelobte Land

Heimat, so wage ich zu behaupten, ist ein Roter Faden der hl. Schrift. Denn die Fragen des Woher des Menschen, seines Daseins im Hier und Jetzt und sein Wohin sind die im letzten Heimatfragen. Heimat im biblischen Sinn ist da, wo die Antworten auf alle drei Fragen ein und denselben Ort umschreiben.
Der Anfang ist die Erzählung, wie Gott die Erde erschafft, den Garten Eden, das Paradies, inmitten pflanzt und dort SEINE Kreatur Mensch hineinsetzt. Ihr gibt ER einen ebenbürtigen Gefährten an die Seite. Und SEIN Wunsch ist das ewige Bestehen dieses Zustandes (vgl. Gen 1+2). Heimat im biblischen Sinn hat also irgendwie Ort, Zeit und Beziehung und hat es doch irgendwie auch nicht. Aus dieser Urheimat wird der Mensch von Gott, so die Erzählung, vertrieben (vgl. Gen 3,9ff). Die Folge sind Schutzlosigkeit, Nichtsesshaftigkeit, die Ungewissheit der Versorgung und die Mühsal des Alltags. Der Mensch wird Nomade, lebt mal hier und mal dort. Die Frage, wo genügend Nahrung zu finden ist, und wo niemand anderes ihm seinen Platz streitig macht, bestimmt von nun an seinen Lebensort. Der Mensch wird zu einem Wesen ohne Sicherheit. Der Schöpfungsbericht findet den Grund dafür in der Versuchung des Menschen, gottgleich sich zu gebären, sich nicht beschränken zu wollen auf das, was er ist. Seine Fähigkeit, sich selbst zu übersteigen, wird ihm zum Verhängnis. Indem er sich innerlich von seinem Schöpfer distanziert, entfremdet er sich von sich selbst.
So landet der Mensch immer wieder in der Fremde, die ihm zum Sklavenhaus wird. Die Frage nach dem Ort, wo genügend Nahrung ist, wird ihm den Weg zur Heimat nicht weisen. Sie führt ihn in lebensbedrohliche Konkurrenz mit allen anderen Nomaden, denn alle Menschen teilen im letzten dieses Schicksal, ganz unabhängig davon ob ihre Behausung ein Zelt, eine Hütte oder ein Steinhaus ist. So oder so ist es ein Sklavenhaus.
Gott sieht SEINE Kreatur in dieser Bedrängnis. Der Nomade in der Ausweglosigkeit seiner Not lässt ihn nicht kalt. In IHM keimt der Wunsch, den Menschen aus dem Zwang der nie endenden Nahrungssuche zu befreien, aus der für ihn nur Schutzlosigkeit, Unsicherheit und Konkurrenz erwachsen. Ein neues Paradies öffnet ER ihnen: das Land, in dem Milch und Honig fließen (vgl. Ex 31,1-14). Das Ende von Schutzlosigkeit, Unsicherheit und Konkurrenz. Und Gott selbst nimmt es in die Hand, dass das Volk dieses Land findet, dass es ankommt. Diese Initiative Gottes schweißt aus Nomadenstämmen ein Volk zusammen.

Donnerstag, 6. September 2007

Gelassen loslassen (Lk 14, 25-33)

Kann man sich mit einem Verlust aussöhnen? In „Verlust“ steckt „verlieren“; in „verlieren“ hören wir „Niederlage“, in „Niederlage“ steckt „darniederliegen“. Herbe Verluste bringen uns an den Rand der Existenz.
Verluste sind vielfältig. Da verliert jemand im Tod seinen geliebten Partner oder das Kind und damit den zentralen Bezugspunkt des Lebens. Da verliert jemand seine Firma, und damit sein Auskommen sowie alles, was er sich in den Jahren erarbeitet hat, weil die Zahlungsmoral der Kunden katastrophal ist. Da verliert jemand die Gesundheit, weil ein anderer fahrlässig gehandelt hat. Da verliert ein anderer seinen guten Ruf, weil es Neider gibt, die Lügen über ihn verbreiten. Kann man sich mit solchen Verlusten aussöhnen? Kann man zu dem Punkt kommen, an dem man sagt: Ich nehme mein Schicksal an, höre auf mit Trauer und Klage, klettere aus dem tiefen Loch, in das ich gestoßen wurde und wage einen komplett neuen Anfang? Jeder spürt, was für ein gewaltiger, nicht selten überfordernder Schritt da anstünde. Und gerade die Verluste, die einen unverschuldet treffen, die einem widerfahren, sind die härtesten. Echte Verluste sind traumatisch.
Jedes menschliche Leben kennt solche Verluste und Niederlagen. Niemand ist davon ausgenommen, irgendwann auf diese Frage zu stoßen, wie man mit ihnen umgehen kann, wie man wieder aufsteht, wenn man so darniederliegt, wie man loslässt, ohne den Halt zu verlieren.
Loslassen ist nicht unbedingt eine allgemein menschliche Stärke. Nicht wenige tun sich ja schon unendlich schwer, den Keller zu entmüllen, weil sie glauben, was sie da bunkern, irgendwann noch einmal unbedingt brauchen zu können. Und wer sich hier schon überfordert sieht, was macht der nur, wenn ihn ein Verlust richtig überfällt?
Loslassen müssen gehört zu unserem Alltag. Nichts Irdisches ist auf Dauer, alles ist vorläufig, begeleitet unser Leben nur eine Zeitspanne lang. Ja, für unser Leben selbst trifft es genauso zu. Hinfälligkeit und Vergänglichkeit sind nicht außerordentliche Betriebsunfälle des Lebens, sondern die Regel. Dem Loslassen, dem Verlust, der Niederlage muss man sich stellen, sonst überrennen sie einen. Loslassen gehört zu unseren lebenswichtigen Lektionen. Loslassen sollten wir bewusst üben. Hier ist die Tür zum Verständnis, warum Jesus uns im Evangelium uns auffordert, in seiner Nachfolge auf unseren ganzen Besitz zu verzichten (V. 33), d.h. nichts und niemanden als Besitz zu betrachten und zu behandeln. Aussöhnung mit Verlust gelingt dort, wo er nicht als Niederlage missdeutet wird. Nur wer loslässt, wird offen für Neues. Nur wer offen ist, wird ein Geschenk wahrnehmen. Nur wem das gelingt, der hat nichts zu verlieren und wird aus der Hand Gottes alles gewinnen.

Donnerstag, 30. August 2007

Die Stärke sympathischer Bescheidenheit (Lk 14, 1. 7-14)

„Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr!“ – sie kennen sicher dieses geflügelte Wort. Die Sache dahinter ist im Blick auf das Menschlich-Allzumenschliche schon ein bisschen zwiespältig. Auf der einen Seite empfinden wir bescheidene Menschen als äußerst angenehme Zeitgenossen in ihrer zurückhaltenden Art, die zugleich aufmerksam und zuvorkommend ist; Menschen, die mit wenigem zufrieden sind und sich nicht mit Protz und Aufgeblasenheit präsentieren müssen. Auf der anderen Seite verrät das geflügelte Wort, dass viele für sich ganz bewusst nicht in Anspruch nehmen, bescheiden sein zu wollen und so für andere auch solch angenehme Zeitgenossen zu sein. Statt Zurückhaltung Ansprüche, statt Aufmerksamkeit Geltungsdrang, statt Großmut Übermut.
Wenn Bescheidenheit echt ist, ist sie ein Ausdruck von Selbstbewusstsein. Von sich selber absehen können und anderen getrost den Vortritt lassen zu können setzt festes Stehen in sich selbst voraus, auch wenn es oft oberflächlich von außen gesehen als Schwäche ausgelegt wird. Dagegen nicht bescheiden sein zu können, für sich selbst immer das Beste und Höchste zu beanspruchen, verrät übersteigerte Angst, ohne all dieses zu kurz zu kommen, Geltung einzubüßen, vor anderen nicht bestehen zu können. So verrät ein solches Gebaren Minderwertigkeitskomplexe, auch wenn es äußerlich dazu verführt, es als vermeintliche Stärke zu missdeuten, die anziehend und nachahmenswert erscheint.
In diesem Spiegel mag man das Evangelium lesen. Da suchen sich bei einem Festmahl Gäste von sich aus die Ehrenplätze aus und lassen sich dort nieder. Ob sie auch dahingehören, heißt das nicht. Ein Fall von Selbstüberschätzung, die peinlich endet, wenn man aufgefordert wird, den Platz für den zu räumen, dem er wirklich gebührt. Was ziemlich dreist beginnt, endet erniedrigend.
So lehrt Jesus die Gäste, dass man Ehre sich nicht nehmen kann, sie wird einem zuteil. Bescheidenheit kann warten bis sie ihr zuteil wird. Und Bescheidenheit weiß, dass Ehre einem dann zuteil wird, wenn man die eigene Ehre nicht sucht, sie vielmehr anderen schenkt.
Wir können die Brücke schlagen hin in den Abendmahlssaal, in dem der Meister Jesus seinen Jüngern in der Demutsgeste der Fußwaschung anschaulich macht, dass er unter ihnen ist wie einer, der dient (Lk 22, 27), der für uns den letzten Platz einnimmt. Und „darum hat ihn Gott über alle erhöht!“ (Phil 2,9)

Mittwoch, 22. August 2007

Barmherziges Ernstnehmen und ernst genommene Barmherzigkeit (Lk 13, 22-30)

„Katholiken haben es gut. Sie können sündigen, wie sie wollen und gehen anschließend einfach beichten und dann können sie munter weitersündigen!“ – Eine solche Haltung ist vornehmlich zum Aufhänger für klischeehafte Katholikenwitze mutiert. Zudem nutzt leider heutzutage kaum noch ein Katholik die Möglichkeit der Beichte. Wenn man jedoch ernsthaft von der All-Barmherzigkeit Gottes spricht, von seiner grenzenlosen Bereitschaft zur Vergebung und seinem umfassenden Heilswillen, mag eine solche Kommentierung durchaus nachvollziehbar erscheinen. Entsprechend ernsthaft formuliert lautet die Anfrage: Was soll ich mich in diesem Leben so anstrengen und einschränken, wenn am Ende doch alle das Heil empfangen?
Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, ob es heutiger „political correctness“ entspricht, es auszusprechen, oder nicht: Jesus stellt diese Selbstverständlichkeit, nach halbherzig gelebter Christlichkeit am Ende wohl schon noch irgendwie sich durch Gottes Barmherzigkeit ins Heil durchzuwursteln, deutlich in Frage. Der Weg zum Heil ist eine enge Tür, die der Herr auch zusperrt und manchen nicht durchlässt. Ja, am Ende will ER jene nicht einmal mehr kennen, die meinen, trotz getanem Unrechts doch ein Recht auf Durchlass zu haben. An den Worten Jesu (V. 25-27) gibt es nichts herumzudeuteln. Ja noch deutlicher: Alle anderen kommen rein, du jedoch nicht! – so mag man das Wort von denen aus allen vier Himmelsrichtungen (V.29) umschreiben können, das Jesus seinen Zuhörern zuruft.
Wir sagen von Gott, dass er nicht oberflächlich auf den Menschen schaut, sondern die Herzen der Menschen erforscht (vgl. z.B. Ps 139; Jes 29,13; Apg 15,8; Röm 8,27). Das heißt natürlich auf der einen Seite, dass er schon in einem der hintersten Herzkammern irgendwo den Hauch einer guten Absicht aufspüren wird, die er zu würdigen weiß. Das heißt auf der anderen Seite aber auch, dass er das Fehlen jeglicher Ernsthaftigkeit in der Nachfolge genauso spürt. Barmherzigkeit heißt, nach Jesus, keineswegs, dass ein im letzten schwächlicher Charakter sich einfach so veräppeln lässt. Gott in seiner unbegreiflichen Liebe nicht ernst zu nehmen war schon immer eine der großen Versuchungen des Menschen. Aber da wir ja auch nicht damit leben können, wenn wir nicht ernst genommen werden, ist das auch wieder ein feiner Zug Gottes, wenn wir so darauf bauen können, dass ER uns ernst nimmt.

Dienstag, 21. August 2007

Sehend gemacht, um Betriebsblindheit zu heilen (Joh 9, 1-41)

Ich sehe was, was du nicht siehst…! – ein Kinderspiel. Einer nimmt etwas in den Blick, der andere soll es durch geschicktes Erfragen erraten. Beide Spieler sehen dasselbe, doch ihre Aufmerksamkeit ist auf Unterschiedliches gerichtet in einer komplexen Wirklichkeit. Das Spiel lehrt uns, sehen zu lernen, was dem anderen im Augenblick wichtig ist. Unsere Aufmerksamkeit soll sich auf das richten, was den anderen interessiert.
Den Nächsten in den Blick zu nehmen – ein Kinderspiel? Beileibe nicht! Das Geschehen des Evangeliums zeigt uns, dass es keine selbstverständliche Fähigkeit ist. Wir müssen es von Jesus lernen.
Ein Blinder wird dank Jesus sehend. Jesus hat dessen Leiden wahrgenommen und ihn geheilt. Eine Sensation, die höchste Aufmerksamkeit erregt. Doch in welche Richtung? Die Frage, warum er blind geboren wurde, oder wer gesündigt hat, dass er blind ist, wird im Vorfeld von den Jüngern erörtert (V.2). Ist der Geheilte überhaupt der Blinde, den doch jeder kannte? So fragen sich die Nachbarn verwundert, und: Wer hat das Wunder vollbracht? (V.8-10). Und die Pharisäer streiten sich: Durfte die Heilung am Sabbat vollzogen werden und ist der Heiler Jesus nicht deswegen vielmehr ein Sünder? (V.13ff)
Merkwürdige Fragen – niemand scheint in der Lage zu sein, das Wunder, das geschehen ist, als solches wahrzunehmen. Keiner sieht den vormals Kranken in der glücklichen Wendung seines Schicksals. Sogar die Familienangehörigen halten sich seltsam verschlossen (V.18-23).
Statt Freude und Erleichterung scheinen tausend Blockaden und Ablenkungen in den Menschen zu sein, die dazu führen, dass sie sich dem Geschehen nicht öffnen können. Und den vormals Blinden nimmt niemand ernst. Sogar Schimpf und Häme muss er über sich ergehen lassen (V.28), bis sie ihn am Ende aus der Synagoge sogar hinaus stoßen (V.34)
Nicht nur Kranke, jeder Mensch braucht es überlebens-notwendig, dass man ihn wahrnimmt, ihn ernst nimmt, auch in seiner Sehnsucht nach Heil und Heilung. Der Nächste, der jeder sein kann, gehört in den Mittelpunkt, und zwar ungeteilt. Was braucht er? Was kann ich für ihn tun? Was kann Jesus für ihn tun?
Jeder wird wohl erzählen können, wie man sich fühlt und was in einem vorgeht, wenn man sich übersehen fühlt, wo man alleine nicht weiter kommt, was man zur Linderung braucht und was nicht. Genauso wichtig ist es, dass der Hilfsbedürftige sich der Hilfe öffnet, die sich ihm bietet, und sie annimmt.
Ich sehe was, was du nicht siehst…! – wer am Ende zu den Sehenden gehört oder zu den Blinden, bleibt schwierig auszumachen. Bis heute. Lassen wir uns von Jesus diesen ungeteilten Blick der liebenden Aufmerksamkeit auf den Nächsten lehren. Sich der Wirklichkeit stellen ist halt keine Frage von funktionierenden Organen. Das gilt noch viel mehr für die Wirklichkeit Gottes.